Arbeiten alle genug oder zu wenig?
27.03.2026
Teilzeit, Vollzeit, Überstunden: Wie Beschäftigte Arbeit und Leben vereinbaren und was die Forschung dazu sagt.
27.03.2026
Teilzeit, Vollzeit, Überstunden: Wie Beschäftigte Arbeit und Leben vereinbaren und was die Forschung dazu sagt.
Über Arbeitszeit wird allseits viel debattiert, aber was sagt die Forschung? LMU-Forschende beleuchten das Thema aus verschiedenen Disziplinen:
© ifo Institut/Romy Vinogradova
„Immer mehr Beschäftigte in Deutschland arbeiten in Teilzeit – inzwischen rund 40 Prozent. Innerhalb der OECD liegt der Anteil nur in Österreich, den Niederlanden und der Schweiz höher. In der Debatte über sogenannte „Lifestyle-Teilzeit“ wird oft der Vorwurf erhoben, Teilzeitbeschäftigte würden sich zu wenig engagieren. Viele Betroffene verweisen jedoch auf gute Gründe wie Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen.
Ökonomisch greift diese moralisierende Debatte zu kurz. In einer freien Gesellschaft müssen Menschen sich nicht rechtfertigen, wenn sie weniger arbeiten und dafür ein geringeres Einkommen akzeptieren. Problematisch wird es eher, wenn staatliche Regeln Unternehmen zu Teilzeitangeboten zwingen oder wenn Steuern und Transfers Arbeitsentscheidungen verzerren.
Das Problem besteht darin, dass Mehrarbeit für viele Menschen kaum lohnt, weil höhere Einkommen durch Steuern, Abgaben und wegfallende Leistungen stark belastet werden. Studien zeigen, dass bei manchen Familien über 95 Prozent zusätzlicher Einkommen abgeschöpft werden. Wer mehr Vollzeitbeschäftigung will, sollte daher vor allem solche Fehlanreize abbauen.“
Prof. Dr. Clemens Fuest ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der LMU und Präsident des ifo Instituts.
© Joseph Heicks
„Alle Menschen brauchen Care – angefangen beim Essen über menschliche Nähe bis hin zur Krankenfürsorge. Care ist das natürliche Fundament unserer Sozialität. Und unserer Wirtschaft.
Doch Care macht sich nicht von allein; und unsere Gesellschaft ist care-feindlich: Es fehlt an Zeit, Geld, Anerkennung. Im Alltag zeigt sich das deutlich – der Pfleger hat keine Zeit für das nötige Gespräch mit dem Patienten, der Kindergarten hat starre Rhythmen, Familien sind aufgerieben zwischen Termindruck und Liebesglück. Das sind keine anekdotischen Ausnahmen, sondern Symptome einer sozialen Ordnung, die sich um Profitermöglichung und nicht an den Bedürfnissen von Menschen zentriert. Der deutlichste Beweis dafür ist, dass nur bezahlte Erwerbsarbeit Rechte, Geld, Anerkennung, Teilhabe und Freiheit vermittelt.
Vor diesem Hintergrund ist die Rede von ‚Teilzeit als Lifestyle‘ als Diffamierung verständlich. Denn faktisch ist Teilzeit-Erwerbsarbeit die einzige sinnvolle und pragmatische Möglichkeit, Care zu leisten, sich also um Kinder, die pflegebedürftigen Eltern, den kranken Angehörigen oder den eigenen Haushalt zu kümmern, ohne finanziell und rechtlich völlig abgehängt zu werden.
Aus historischen und ideologischen Gründen sind es Frauen, die diese Arbeit leisten. Zum Vergleich: Nur 8 Prozent der Väter in Deutschland sind in Teilzeit beschäftigt, aber knapp 68 Prozent der Frauen. Das ist kein Zufall, sondern Teil einer massiven systematischen vergeschlechtlichten Ungleichheit mit steuerlichen, rentenrelevanten, versicherungsbezogenen, beruflichen und auch psychischen Nachteilseffekten, die sich im Lebensverlauf kumulieren.
Was also tun? Die Gesellschaft sollte aufhören, Care als individuelles ‚Vereinbarkeitsproblem‘ zu privatisieren, das man – eher frau – eben irgendwie managen muss. Wir könnten das System auch daraufhin reformieren, dass alle Menschen Care übernehmen können, wenn es darauf ankommt, und niemandem daraus strukturelle Nachteile entstehen.
Teilzeit für alle? Warum nicht! Das wäre doch für manche Lebensphasen völlig sinnvoll und praktisch machbar.“
Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky ist Inhaberin des Lehrstuhls für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU.
© LMU/Tobias Hase
„Die Annahme, dass wir durch KI bald weniger zu tun haben, ist aus meiner Sicht deutlich zu kurz gesprungen. Ja, KI kann Aufgaben wie das Verfassen von Berichten, Erstellen von Präsentationen oder die Beantwortung standardisierter Anfragen übernehmen. Doch die meisten Jobprofile bestehen aus einem komplexen Zusammenspiel von Analyse, Bewertung, Verantwortung und zwischenmenschlicher Interaktion.
KI liefert schnellen Input – aber Qualität, Einordnung und Validität bleiben menschliche Aufgaben. In der Beratung etwa reduziert sich beispielsweise der Aufwand für Folienerstellung und Recherche. Jedoch wird erwartet, dass man diese gewonnene Zeit nutzt, um mehr Projekte zu akquirieren, Kunden intensiver zu betreuen oder komplexere Fragestellungen zu bearbeiten.
Anforderungen und Kapazitäten steigen also oft parallel zur Nutzung von KI. Gleichzeitig entstehen neue Verantwortungsbereiche – von Prompt-Design und Datenqualität bis zur Entwicklung, Steuerung und Governance eigener LLMs.
KI ersetzt daher selten Arbeit vollständig – sie verschiebt sie vielmehr im Hinblick auf Aufgaben, Verantwortung, Kompetenzen und Rollen.“
Prof. Dr. Anne-Sophie Mayer ist Professorin für Digitale Arbeit an der LMU.
© LMU Japan-Zentrum
„Als Japans Premierministerin Sanae Takaichi im vergangenen Oktober ihr Amt antrat, gelobte sie zu arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten, arbeiten. Der fünffache Schwur wurde in Japan zum Wort des Jahres gekürt und löste zugleich Befürchtungen aus, die wenigen arbeitspolitischen Errungenschaften der vergangenen Jahre könnten sogleich zurückgenommen werden.
Dabei wird in Japan ohnehin viel gearbeitet: Japan liegt mit 1.508 Arbeitsstunden im Jahr pro Person im Erwerbsalter im Vergleich der OECD-Länder auf Rang drei, Deutschland auf Rang 29. Zudem arbeiten in Japan 15,2% der Vollzeitangestellten 49 Stunden und mehr pro Woche; in Deutschland sind es gerade einmal 4,6%.
Seit einer Reform von 2018 ist die Zahl der erlaubten Überstunden in Japan zwar auf 45 Stunden pro Monat begrenzt, doch sind in Absprache mit dem Arbeitgeber bis zu 100 Überstunden möglich. Inzwischen müssen Angestellte mindestens fünf Urlaubstage pro Jahr nehmen. Im Schnitt werden aber nur 65% der zustehenden Urlaubstage ausgeschöpft.
Derzeit sind Japans arbeitspolitische Reformen darauf ausgerichtet, Gefahren wie die des karōshi (Tod durch Überarbeitung) zu minimieren. Gleichzeitig muss einem Arbeitskräftemangel entgegengewirkt werden, der sich im Zuge des demografischen Wandels verschärft. Frauen, Arbeitskräfte aus dem Ausland, Roboter und auch Seniorinnen und Senioren werden zunehmend in den Arbeitsmarkt integriert.
Es scheint, dass im überalterten Japan jede und jeder mit anpacken soll, angefangen bei der Premierministerin. Dies führt mittlerweile auch zu einer Neugestaltung der Arbeitswelt, wenngleich deren Richtung noch offen ist.“
Prof. Dr. Gabriele Vogt ist Lehrstuhlinhaberin am Japan-Zentrum der LMU.